„Für Wald im Wandel – Gegen starre Bürokratie. Warum die Wiederherstellungsverordnung verändert werden muss.“ Unter diesem Motto fand am 25. Juni das diesjährige Waldsymposium des Verbandes AGDW – Die Waldeigentümer in Berlin statt. Im Dialog mit Politik, Wissenschaft und anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren erörterten Fachleute und Praktiker die Hintergründe, Inhalte und möglichen Konsequenzen der umstrittenen EU-Verordnung, deren angestrebte Umsetzung derzeit Deutschland und die anderen EU-Mitgliedstaaten beschäftigt. „Nach prägenden Erfahrungen mit der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie wissen wir um die Unzulänglichkeiten eines auf statische Lebensraumtypen ausgerichteten Regelwerks, mit dem wir durch die W-VO nun erneut und in verschärfter Form konfrontiert sind“, sagte AGDW-Präsident Prof. Andreas Bitter und appellierte vor den rund 200 geladenen Gästen: „Aus diesen Erfahrungen sollten wir gemeinsam die richtigen Schlüsse ziehen und uns angesichts der Folgen des Klimawandels in den Wäldern auf ein zeitgemäßes Leitbild verständigen, das die Resilienz und Leistungsfähigkeit unserer Waldökosysteme ins Zentrum stellt.“

Respekt vor dem Eigentum und das Prinzip der Freiwilligkeit an erster Stelle
Die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeslandwirtschaftsministerium, Martina Englhardt-Kopf, sagte mit Blick auf die EU-Wiederherstellungsverordnung: „Für uns stehen der Respekt vor dem Eigentum und das Prinzip der Freiwilligkeit an erster Stelle. Wir bringen uns aktiv in die Erstellung des nationalen Wiederherstellungsplans ein, der praxisorientiert und realistisch sein muss im Sinne der Umsetzbarkeit und Finanzierung.“

Standorte verlagern sich
Warum die Orientierung der W-VO an historischen Lebensraumtypen der FFH-Richtlinie zu kurz greift, um den Erhalt stabiler Waldökosysteme zu sichern, verdeutlichte Dr. Axel Albrecht, Abteilungsleiter Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) in seinem Vortrag. „Während Buchen-Lebensraumtypen heute noch auf einer Fläche von rund 74 Prozent die potenzielle natürliche Vegetation (PNV) bilden, könnte dieser Anteil infolge des Klimawandels schon in wenigen Jahrzehnten ganz erheblich schrumpfen. Je nach Szenario könnten gegen Ende des 21. Jahrhunderts diese Buchen-Lebensraumtypen nur noch einstellige Prozentanteilen an der PNV in Deutschland ausmachen“, erläuterte Albrecht. Aus der Standortsdrift seien die entsprechenden Ableitungen für Forst- und Umweltpolitik zu ziehen, mahnte der Wissenschaftler.

Unwägbarkeiten für Waldbesitzer und Behörden
Eine juristische Einordnung der Wiederherstellungsverordnung leistete Dr. Elisabeth Zinke-Heßler, Referatsleiterin in der Landesvertretung Hessens beim Bund. Sie verwies auf den Entwurf des Nationalen Wiederherstellungsplans, der bestehende Bundesförderprogramme wie das Klimaangepasste Waldmanagement als Maßnahmen benennt und sich damit auf Waldflächen von insgesamt mehr als 2 Mio. Hektar bezieht. Nach Einschätzung Dr. Zinke-Heßlers wirft dies erhebliche rechtliche Fragen auf. Es bestehe die Gefahr, dass bislang geförderte Waldflächen künftig den Vorgaben der Wiederherstellungsverordnung unterliegen. „Dass die Wiederherstellungsverordnung umfangreiche Waldflächen über die FFH-Gebietskulisse hinaus erfassen soll, erhöht die bestehenden Unwägbarkeiten nochmals“, so Dr. Zinke-Heßler. Sowohl Waldbesitzende als auch Länder und Behörden bräuchten daher mehr Transparenz und Planungssicherheit.

„Praxisfern, überbordend büokratisch und unverhältnismäßig“
Konrad Mylius, Präsident der Land & Forst Betriebe Österreich machte beim Waldsymposium deutlich, dass die schweren Bedenken der deutschen Waldeigentümer gegenüber der W-VO in anderen EU-Mitgliedstaaten geteilt werden: „Auch aus österreichischer Sicht ist die Wiederherstellungsverordnung praxisfern, überbordend bürokratisch und mit unverhältnismäßigen Eingriffen in das Eigentum verbunden. Statt starrer Vorgaben braucht Europa praxistaugliche Lösungen, die eine aktive und klimaangepasste Waldbewirtschaftung ermöglichen“, so Mylius.

Gewachsene Kulturlandschaften gestalten
„Der Wald der Zukunft entsteht nicht durch das Bemühen um die Wiederherstellung historischer Zustände, sondern durch die aktive Gestaltung unserer gewachsenen Kulturlandschaften“, resümierte Prof. Bitter zum Abschluss des Symposiums. Daher müsse die W-VO der Entwicklung und Förderung klimaresilienter und leistungsfähiger Waldökosysteme gerecht werden, statt diese zu erschweren. Entsprechend werde sich die AGDW in die weiteren politischen Prozesse in Berlin und Brüssel weiterhin mit zielgerichteten Vorschlägen aktiv einbringen.